Donnerstag, 17. August 2017

Wäästverwandtschaft

„Am Wochenende waren wieder die aus’m Wäästen da“. So eine ältere Arbeitskollegin in unserer Abteilung. Die aus dem Wäästen kommen genauer gesagt aus Lüneburg und sind entweder der Bruder oder die Schwester + jeweiliger Ehegatte/ Ehegattin.

Vor der Wendezeit ist das Geschwisterteil gen alte Bundesländer geflüchtet und hatte dann, nach vollzogener Wende, die Eltern besucht. Die Eltern hatten zu der Zeit ein Grundstück mit Haus sowie eine große Gartenfläche und reichlich Acker am Stadtrand. Da es üblich war, dass die Kinder -auch wenn sie nur zu Besuch sind- in einem gewissen Rahmen mit anpacken müssen/ sollen, kam das Geschwisterteil dann nur noch selten bzw. gar nicht mehr. Es gab ja auch Telefon, um mal zu quatschen.

Als die Eltern dann in Rente gingen und die Bewirtschaftung des Grundstückes, mit Gartenfläche und reichlich Acker, auch schwieriger wurde, verkauften sie ihr Land zu einem günstigen Zeitpunkt für reichlich Schotter. Die Stadt erweiterte sich nämlich an ihren Rändern und Bauland war daher sehr begehrt (selbst wenn es bisher als Ackerland genutzt wurde). Von einem kleinen Teil des Geldes kauften sich die Eltern eine Eigentumswohnung in der Stadt und da beide gut Rente erhielten, musste das Ersparte nicht angegriffen werden. Die monatliche Rente von beiden reichte aus zur Haushaltsführung und man konnte sich auch mal eine Reise oder ein neues Auto gönnen. Auch blieb neben der ganzen Gönnerei sogar noch etwas übrig, um es auf das Sparkonto bzw. in andere Geldanlagen zu packen.

Die aus dem Wäästen wollten nun gerne wieder öfters kommen, aber der Vater meinte „Wenn sie sich bisher die ganze Zeit nicht haben blicken lassen, brauchen sie nun auch nicht kommen“. Sie wollten also, durften aber nicht. Vor ca. einem Jahr ist der Vater verstorben. Das weiß ich noch, weil unsere ältere Kollegin da eine Woche lang schwarze Kleidung trug und nicht nur uns, sondern auch sehr vielen Kunden am Telefon dies erzählte.

Jetzt kommen die aus dem Wäästen wieder regelmäßig an den Wochenenden. Zum Unmut unserer älteren Arbeitskollegin. Regelmäßig bieten sie der Mutter, die ja nun alleine zurechtkommen muss, ihre Unterstützung an. Auch soll wohl schon ein Vordruck für eine private Vollmacht dort herumgelegen haben.

Ich freue mich schon auf das restliche Jahr. Nicht nur, weil dann wieder Verwandte um das Erbe von noch lebenden Menschen streiten und gegenseitigen ihre -von der Mutter unterschriebenen- Privatvollmachten vor Gericht anfechten. Nein, auch wegen der Unterhaltung bei uns im Großraumbüro. Unsere ältere Kollegin ist nämlich richtig redefreudig, sodass wir mit Sicherheit über den Stand der Dinge auf dem Laufenden gehalten werden.
FUCK YEAH CAPSLOCK!